Manchmal ist der Bruch nicht der Job, sondern die Ehrlichkeit mit sich selbst

Als Hamburgerin mit flottem Spruch und einer klaren Haltung gehört Jutta Hannecker zu den Menschen, die anpacken, wenn sie merken, dass etwas nicht mehr stimmig ist.

Wenn vieles läuft und trotzdem etwas kippt

Viele Jahre war sie im Modevertrieb eines internationalen Unternehmens tätig: erfolgreich, verbindlich, durchsetzungsstark. Nach einer Umstrukturierung verlor sie ihren Job, wurde mit Mitte 50 als kaum vermittelbar eingestuft und entschied sich für die Selbständigkeit. Sie baute eine eigene Agentur auf, zunächst im Bereich Sportmode, später breiter Fashion für Damen.

Vertrieb war für sie nie nur Verkaufen, sondern Beziehungsarbeit, Kommunikation, Timing. Diese Haltung prägte nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihren Blick auf sich selbst. Sie hatte ein feines Gespür für Menschen, Situationen und den richtigen Moment.

Die Arbeit lief, der Anspruch an sich selbst blieb hoch. Abends ein Glas Wein gehörte dazu, erst als Genuss, später eher als zuverlässiger Schalter vom Funktionieren zum Abschalten.

Der Punkt, an dem sie beschloss, ihr Leben bewusster zu gestalten, hatte zunächst nichts mit Mode oder Karriere zu tun. Es war kein dramatisches Ereignis, sondern ein nüchterner Moment der Klarheit. Ein Morgen, an dem sie merkte, dass Gewohnheiten aus dem Ruder gelaufen, Routinen inzwischen schädlich geworden waren.

Ein Programm, das sie damals online entdeckte, traf genau diesen Nerv: „Ohne Alkohol mit Nathalie“, ein 30-Tage-Begleitprogramm der Journalistin und Bestsellerautorin Nathalie Stüben. Klar strukturiert, alltagstauglich, ohne Moralkeule. Jutta gefiel dieser Ansatz sofort. Kein Pathos, kein Drama, sondern Schritt-für-Schritt-Handwerk und fundiertes Wissen.

Vom „geht schon irgendwie“ zum Handeln

Das Programm war der Startpunkt, nicht das Ziel. Jutta zog es nicht einfach durch, sondern arbeitete sich hinein: in Mechanismen, eigene Gewohnheiten, Denk- und Verhaltensmuster. Sie verstand, warum sich bestimmte Schleifen so hartnäckig halten, selbst wenn man sie loswerden will. Und sie erkannte, dass Veränderung nicht durchs Grübeln entsteht, sondern durchs Tun.

„Man kann das analysieren, diskutieren und erklären. Am Ende musst du einfach anfangen“, sagt sie heute. Und genau so ist sie vorgegangen: mit klarem Fokus, Struktur und einer ausgeprägten Step-by-Step-Mentalität. Das ist typisch Jutta. Hand anlegen statt Kopfsalat.

Berufserfahrung nicht über Bord geworfen, sondern neu gedacht

Mit der neuen Klarheit im Kopf kam wieder Luft in den Kalender. Ihre Agentur lief stabil, vieles ließ sich effizient steuern. Und plötzlich stellte sich eine Frage, die Jutta aus ihrer Vertriebsbiografie gut kennt: Wo bringt meine Erfahrung jetzt den größten Mehrwert?

Sie vertiefte ihr Wissen zu Alkohol und Abhängigkeit, Gewohnheiten und Selbststeuerung und verknüpfte es mit dem, was sie seit Jahrzehnten beherrscht: Kommunikation, Beziehungsgestaltung und Überzeugungsarbeit. Im Modevertrieb hatte sie gelernt, zuzuhören, zwischen den Zeilen zu lesen, Bedarfe zu erkennen und Menschen mitzunehmen. Diese Kompetenzen sind weit über eine Branche hinaus wirksam.

Dann tauchte in genau der App, die sie weiterhin zur Stabilisierung ihrer Abstinenz nutzte, eine Stellenausschreibung auf. Teilzeit, digitaler Support, flexibel, technologieaffin, kein 9-to-5. Eine Rolle, in der es um Kontakt, Vertrauen und Orientierung geht. Für Jutta passte das erstaunlich gut zu ihrem Lebensstil und zu ihrem Profil.

An einem lauen Sommertag im Park, nach Pilates auf der Matte, war für sie klar: Ich probier das. Die Bewerbung schrieb sie noch am selben Tag. Kurz, präzise, authentisch. Es folgten Teamscalls, Arbeitsproben, anspruchsvolle Gespräche. Keine einfache Sache, aber auch nichts, was sie sich nicht zutraute. Als Vertrieblerin war sie es gewohnt, Netzwerke zu nutzen, sich gut vorzubereiten und Feedback ernst zu nehmen. Den letzten fachlichen Schliff holte sie sich bei einer befreundeten Psychiaterin.

Aus Erfahrung wird Kompetenz und Wirkung

Heute macht Jutta deutlich mehr als klassischen Support:

  • Sie beantwortet erste Anfragen von Menschen, die sich auf Veränderung einlassen wollen – empathisch, klar und ohne Umwege.
  • Sie koordiniert, plant und moderiert Liveklassen mit ExpertInnen rund um das Thema Alkohol.
  • Sie hat den ersten Sommerkongress mitkonzipiert, aufgebaut und mitbetreut.
  • Und sie nutzt ganz selbstverständlich ihre Mode- und Vertriebsexpertise, etwa beim Aufbau eines Merchandise-Bereichs. Produktdenken, Zielgruppenverständnis, Präsentation und Vermarktung sind für sie vertrautes Terrain.

Ihr Sohn kommentiert das trocken: „Dass du mit 63 noch einmal einen unbefristeten Vertrag bekommst, ist schon ziemlich unglaublich.“

Was man von Juttas Weg mitnehmen kann

Was an dieser Geschichte hängen bleibt, ist kein spektakulärer Bruch, sondern etwas sehr Bodenständiges:

  • Klarheit über die nächste Etappe, ohne Schönmalerei.
  • Konsequentes, methodisches Handeln im Alltag.
  • Vorbereitung statt Hoffnung: Netzwerke nutzen, Wissen vertiefen, Stärken übertragen.
  • Mut zur Bewerbung, auch mit 60+.
  • Offenheit für Neues, kombiniert mit gesundem Realitätssinn.

Veränderung beginnt manchmal mit einem Tool oder einem Programm. Tragfähig wird sie, wenn man bereit ist, den eigenen Alltag und die eigene Erfahrung neu zu denken und sinnvoll einzusetzen.

Übrigens: Ab Mitte 2026 ist Jutta offiziell „Rentnerin“, für sie und das Team von „Ohne Alkohol mir Nathalie“ ist jedoch sonnenklar: Hier wird sie weiter machen. Wer seine Berufung gefunden hat, gibt sie mit Mitte 60 nicht einfach wieder ab.

In meiner Arbeit mit Menschen in der zweiten Berufshälfte begegnet mir diese Dynamik immer wieder: Der Wunsch nach Veränderung ist da, die Erfahrung auch, aber der konkrete nächste Schritt bleibt aus. Juttas Geschichte zeigt, wie kraftvoll es sein kann, genau hier anzusetzen: ehrlich hinzuschauen, die eigenen Stärken neu zu ordnen und sie in ein Format zu bringen, das zum Leben von heute passt. Das ist der Kern von Encore Career, wie ich sie verstehe.

Dr. Karin von Schumann