Warum Erfahrungsträger besonders von KI-Nutzung profitieren

Die KI-Debatte wird allzu oft als Generationenfrage geführt. Tatsächlich ist sie eine Kompetenzfrage. Und Erfahrung ist dabei kein Nachteil, sondern der stärkste Hebel für wirksame KI-Nutzung. Nicht bei den Digital Natives, sondern bei den Erfahrungsprofis liegt der größte Produktionshebel der KI.

Ein systematischer Forschungsüberblick aus dem Jahr 2025 belegt: Gut ausgebildete, erfahrene Arbeitnehmer erzielen durch KI-Schulungen häufig deutlich höhere Produktivitätsgewinne als jüngere Mitarbeitende( LIUC – Università Cattaneo+1.) Der Grund ist strukturell: KI entfaltet ihren Wert erst im Zusammenspiel mit Erfahrung, Urteilsvermögen und kontextueller Intelligenz.

KI ist schnell. Senior Professionals wissen, was gut ist.

In meiner Coachingpraxis erlebe ich regelmäßig, dass KI-Initiativen formal allen offenstehen, faktisch aber an eine klare Zielgruppe adressiert sind: die Jüngeren.

Erfahrene Fach- und Führungskräfte interpretieren diese Signale sehr genau. Wenn sie nicht explizit eingeladen werden, gehen sie davon aus, dass ihre Rolle woanders liegt. Das Ergebnis ist kein Widerstand gegen KI, sondern ein stiller Rückzug aus Lernprozessen. Und genau darin liegt das strukturelle Problem: Die Gruppe mit dem höchsten Erfahrungs- und Urteilskapital wird systematisch aus der Lernkurve herausgehalten.

Jüngere nutzen KI häufiger – aber der entscheidende Unterschied liegt woanders

Eine aktuelle Umfrage bei über 4500 Arbeitnehmern (Cypher Learing Survey, 2024) zeigt klar: Jüngere und Männer nutzen KI signifikant häufiger und sie erhalten deutlich öfter Trainings dafür.

Hier wirken zwei Biases gleichzeitig:

  • Jüngere gehen davon aus, dass ältere Fachkräfte technologisch weniger kompetent sind.
  • Ältere internalisieren diese Annahme und überlassen KI-Anwendungsfelder den Jüngeren.

Eine Zahnärztin brachte es kürzlich treffend auf den Punkt:
Als sie gemeinsam mit ihrer Tochter ein neues Praxissystem einführte, richteten die IT-Berater ihre gesamte Kommunikation ausschließlich an die Tochter – nicht an die Praxisinhaberin mit 30 Jahren Expertise. Ihre Vermutung: „Die hielten mich wohl für einen Dinosaurier.“

Upskilling als Gamechanger

Der entscheidende Unterschied ist nicht das Alter, sondern der Zugang zu relevanten Trainings. Und dieser Zugang ist in Organisationen häufig implizit auf „Digital Natives“ ausgerichtet.

Wenn gleichzeitig erfahrene Fach- und Führungskräfte an ihrer technologischen Kompetenz zweifeln, entsteht ein systematisches Underinvestment in das Training genau jener Gruppe, die am meisten profitieren könnte.

Als Selbstständige bin ich für mein Upskilling allein verantwortlich. 2024 habe ich mir bewusst eine Lernphase gegönnt und unter anderem einen LinkedIn-Kurs zum Prompting besucht. Dieser Kurs und natürlich kontinuierliches Anwenden und Weiterlernen, ermöglicht es mir, KI so einzusetzen, dass sie meine Coachingarbeit tatsächlich stärkt. Heute ist KI mein professioneller Sparringspartner: Sie liefert neue Impulse, alternative Perspektiven, realitätsnahe Übungsszenarien und Ideen, die ich kenne, aber im konkreten Kontext oft nicht parat hätte.

Das eigentliche Erfolgsrezept: kristalline Intelligenz

Mit zunehmender Berufserfahrung verändert sich unsere kognitive Struktur. Die fluide Intelligenz wird langsamer. Die kristalline Intelligenz, also Erfahrungswissen, Mustererkennung, Qualitätsurteil, wächst.

Genau diese Kompetenz macht erfahrene Fach- und Führungskräfte zu prädestinierten KI-Powerusern.

Ich erkenne heute in Sekunden, ob ein KI-Vorschlag eine tragfähige Coachingintervention ist oder eine reine Textvariation ohne Substanz. Nicht wegen meiner KI-Expertise, sondern wegen meiner jahrzehntelangen Praxiserfahrung.

Mein Plädoyer: Verhindert den digitalen grauen Graben

Wir diskutieren viel über Generationenkonflikte. Wir sollten verhindern, dass zusätzlich ein digitaler grauer Graben entsteht.

Erfahrene Professionals sind keine „Dinosaurier“. Sie sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor der KI-Arbeitswelt.

Damit Middle Growth mehr ist als ein wohlklingendes Schlagwort, ist zielgruppengenaues, hochwertiges Upskilling ein strategischer Imperativ. Denn für Menschen in der Encore-Phase ist KI kein Neuanfang, sondern ein Verstärker dessen, was sie über Jahrzehnte aufgebaut haben.

Dr. Karin von Schumann