Wer bin ich – wenn ich nicht mehr die bin, die ich war? Über Identität und Wandel in der zweiten Karriere

In allen Gesprächen mit Encore Professionals habe ich gemerkt, wie sehr berufliche Neuorientierung immer auch eine innere Reise ist. In der einen oder anderen Weise stellte sich für jede und jeden die Frage:
„Wer bin ich eigentlich noch, wenn ich nicht mehr das Gleiche tue wie bisher?“

Dieses Gefühl, das vertraute Selbstbild zu hinterfragen, beschreibt Lewis Carroll mit seiner
Alice im Wunderland eindrucksvoll:
„I wonder if I’ve been changed in the night? […] Who in the world am I? Ah, that’s the great puzzle!“

Encore Professionals stehen genau vor diesem Puzzle. Jahrelang, vielleicht sogar jahrzehntelang hatten sie eine Rolle, die ihnen nicht nur Kompetenz, sondern auch eine starke soziale Identität verlieh.
Plötzlich gilt es, diesen Kern zu transformieren, ohne das Gefühl zu verlieren, wer man ist.

Identität ist kein starres Konstrukt, sondern ein Prozess

Die psychologische und philosophische Diskussion um persönliche Identität zeigt:
Wir sind nicht unveränderlich dieselbe Person, die wir einmal waren. Vielmehr entsteht Identität in einem ständigen Dialog mit unseren Erfahrungen, unseren Rollen und unserem Selbstverständnis. Gerade in Zeiten des Wandels, wie bei einer Encore Career, spüren wir diesen Prozess besonders stark.

Wenn die berufliche Rolle wegfällt oder sich grundlegend wandelt, geraten auch unsere sozialen Identitäten ins Wanken. Wir sind plötzlich nicht mehr Teil der gleichen Gruppe, übernehmen andere Aufgaben, verändern unser Umfeld. Das kann Unsicherheit erzeugen, birgt aber auch die große Chance, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Ageismus als strukturelle Hürde

Dabei lohnt es sich, einen klaren Blick auf strukturelle Hürden zu werfen. Ja, es gibt Ageismus und Frauen
in ihrer zweiten Karriere erleben oft eine doppelte Form von Diskriminierung, aufgrund des Alters und des Geschlechts. Diese intersektionale Perspektive hilft zu verstehen, warum manche Türen schwerer aufgehen. Eine 58-jährige Frau, die sich als Beraterin selbstständig macht, wird nicht nur als „neu“ wahrgenommen, sondern oft auch durch stereotype Zuschreibungen gebremst: „Zu alt für den Neuanfang“, „zu weich für Strategie“ oder „nicht digital genug“.

Das soll nicht entmutigen, aber es darf benannt werden. Denn wer sich diese Muster bewusst macht, kann gezielter dagegenhalten. Und wer den Stier bei den Hörnern packt, entdeckt oft: Die größte Wirksamkeit
liegt jenseits der alten Zuschreibungen, und zwar genau dort, wo Erfahrung, Klarheit und neue Energie zusammenkommen.

Was heißt das für dich, wenn du selbst vor einem beruflichen Neustart stehst?

  1. Erkenne die Frage nach der Identität an.
    Es ist normal und hilfreich, sich zu fragen: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die alte Rolle ausfülle?
    Diese Frage darf da sein und braucht Zeit.
  2. Erlaube dir, nicht alles sofort zu wissen.
    Identität ist fließend, und das Neue formt sich oft erst im Tun.
  3. Nimm wahr, dass sich auch der Blick anderer auf dich verändert.
    Das kann verunsichern oder die Chance sein, dich bewusster zu zeigen.
    Gestalte dieses neue Bild aktiv mit.
  4. Nutze deine Erfahrungen als Fundament, nicht als Gefängnis.
    Die Stärken und Werte aus der alten Karriere bleiben wichtig, auch wenn sich das „Wie“ verändert.
  5. Vertraue auf deine innere Haltung.
    Neugier, Selbstverantwortung und Humor sind starke Begleiter durch Unsicherheiten.
  6. Erlaube dir, neu zu definieren, was Erfolg für dich bedeutet.
    Manchmal liegt der Gewinn weniger im äußeren Status als in der Authentizität und Sinnhaftigkeit
    des Tuns.

Wer bin ich? Diese Frage bleibt spannend und ihre Antworten können uns weiterbringen, wenn wir sie mutig zulassen.